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Kalinoras weit verzweigte Wege

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Langsam neigte sich der Herbst in Azeroth seinem Ende zu. Die stürmischen Winde wurden immer kühler und brachten manchmal schon die ersten Schneegestöber mit sich. Dennoch hielt noch immer ein dichter Nebel Sturmwind in seinem Griff.


Kalinora blickte mit einem leisen Seufzen von ihrer Studienarbeit auf. Der Platz ihres Mentors am Tisch gegenüber war leer. Der König hatte ihn zu "dringenden Angelegenheiten" zum Hof beordert. Sie ahnte, was der Wettermagier in nächster Zeit für Aufgaben zu lösen hatte. In den letzten Tagen waren Unmengen an Holz angeliefert und aufgeschichtet worden. Gerade am Hafen unten waren einige riesige Feuerstösse bereit gestellt worden, um den Hafenarbeitern während des kommenden Winters ihre Arbeit in den eisigen Winden ein wenig erträglicher zu machen, die vom Meer her Richtung Stadt brausten. Magnus' Aufgabe würde es sein, dafür zu sorgen, dass die Feuer regelmässig brannten, kein Funkenflug entstand und die Stadt nicht einer Feuersbrunst zum Opfer fiel.


Sie hatte keine Ahnung, wie er es anstellte, diese gewaltigen Luftmengen tagtäglich unter seiner Kontrolle zu halten. Er war Feuermagier. Dass er die lodernden Feuer problemlos kontrollieren und sichern konnte, das stand für sie ausser Frage. Und, ja, natürlich, Feuer brauchte auch Luft, um brennen zu können. Doch wann immer sie ihn auch nur andeutungsweise darüber befragt hatte, wie er es schaffte, das Wetter zu manipulieren, war er ihr lachend und mit einem zwinkernden Kopfschütteln ausgewichen. "Ich bin Magier", war die einzige Erklärung, die er ihr zukommen liess.


'Ich auch...', hatte sie anfangs eher zögerlich gedacht. Mittlerweile erlaubte sie es sich tatsächlich, sich als Magierin zu bezeichnen, nicht mehr nur als Lehrling. Ihre Studien und Übungen hatten sie wirklich vorwärts gebracht. Doch ihr Mentor beherrschte Kräfte, von denen sie keine Ahnung hatte - und daran würde sich wohl auch nie etwas ändern. Sie war und blieb Eismagierin, nicht unbegabt im Umgang mit dem Wasserelement, aber weit davon entfernt, grossflächig über Regen oder Schnee zu bestimmen. Das war ja auch nicht ihre Aufgabe, sie war schliesslich nicht als Wettermagierin angestellt. Und das war wohl gut so. Jeder Magier hatte seinen Platz im Gefüge der Welt, und ihrer lag in einem ganz anderen Bereich.


Leise klappte Kalinora das Buch zu, stellte es ins Regal zurück und verabschiedete sich mit einem stummen Nicken von den anwesenden Magielehrerinnen und dem Meistermagier.


Auf dem Weg aus dem Turm reisten ihre Gedanken Richtung Hafen. Seit einiger Zeit schon übte das Schiff, das in regelmässigen Abständen am nördlichen Steg anlegte, eine seltsame Faszination auf sie aus. Es war wie eine direkte Herausforderung, aber auch wie ein Stachel, der sich wieder und wieder in ihr Herz bohrte. 'Schaffst du es, dort zu bestehen? Wirst du dich im hohen Norden mit deiner Magie schützen können? Womit willst du Wesen entgegen treten, die ihr Leben an Eis und Schnee angepasst haben?' Mit einem Feuermagier an ihrer Seite würde sie nicht zögern, die Reise anzutreten! Doch ihr Mentor hatte dafür keine Zeit, und einem anderen würde sie ihr Leben nicht einfach so anvertrauen.


Sie dachte an Dalaran, an diese wundervolle Stadt, die weit über allem schwebte, sie mit ihrem Frieden aber nicht über die gefährliche Wildnis hinwegtäuschen konnte, die unter ihr herrschte. Und wieder wünschte sie, diesen legendären "Froststoff", von dem sie Reisende berichten hörte, in den Händen halten und endlich damit arbeiten zu können...


Kalinoras Blick hing verträumt im Norden. So viel gab es dort noch zu entdecken und zu erforschen. Doch sie wollte nichts überstürzen, und ausserdem hatte sie hier und anderswo noch genug zu tun. Und vielleicht war der Winter ja nicht gerade die beste Zeit, in den Norden zu reisen.... Wobei...


Wie toll wäre es denn, wenn sie hier in Sturmwind die neuste Mode aus Nordend präsentieren könnte?! Oder wenigstens ihre Gewandungen mit Zaubern gegen Kälte verstärken....


Entschlossen schritt Kalinora die Rampe hinunter. Sie musste unbedingt mit Lucan Cordell reden. Vielleicht wusste er etwas darüber, wer das Wissen über welche Verzauberungen weiterzugeben bereit war. Und mit ganz viel Glück würde sie dafür vielleicht nicht einmal.... Belustigt winkte Kalinora ab. Mit Sicherheit würde sie irgendwann nach Nordend reisen! Sie würde sich der Herausforderung stellen und sich die Fähigkeiten und Fertigkeiten aneignen, die sie brauchte. Wie immer. Und wenn es sein musste, würde sie sich auch weiter darin üben, das Feuerelement zu beherrschen, als zweites Standbein, sozusagen...

 

Für einen Augenblick stockte ihr Schritt. Das würde ein langer Weg werden! Doch wenn er sie zum Erfolg brachte?


Feuermagie beherrschen, Verzauberungen lernen, nach Nordend reisen und die dortige Mode studieren....


Das alles hiess in erster Linie: Über viel Zeit und Geduld und Gold verfügen!


Und zwar genau in dieser Reihenfolge.


Mit einem amüsierten Auflachen schritt Kalinora weiter. Ja, das würde ein langer, aber sehr spannender Weg werden! Also nichts anderes, als eine Weiterführung dessen, was sie seit ihrer Entscheidung, Magierin zu werden, begleitete....

Ihre Augen funkelten vergnügt.

Ich erhoffe nichts. Ich fürchte nichts. Ich bin frei. (Nikos Kazantzakis)
Beitrag #289 erstellt am: / Zuletzt geändert am:

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Ausrufer Gutmann schritt durch die Gassen von Sturmwind und verkündete laut: „Ein neues Gewandungsgeschäft öffnet heute seine Pforten! Besucht Eismagierin Kalinora im Park und schaut Euch ihre Waren an!“

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Vollbepackt betrat Kalinora ihren neuen Geschäftsraum, stapelte alles auf der Theke und begann sogleich, die Gewänder auszupacken und sorgfältig drapiert aufzuhängen. Schon bei der Auswahl am Morgen hatte sie darauf geachtet, eine möglichst grosse Vielfalt an Kleidungsstücken und Schuhen mitnehmen zu können. Schliesslich sollten die ausgestellten Waren in erster Linie als Beispiel dienen, als Anregung für die Kunden, die sie danach massgeschneidert ausrüsten wollte.

 

Ein wenig mulmig war ihr schon, beim Gedanken, in direkte Konkurrenz mit Robenhändlerin Wynne Larson oder Tuchmacherin Lisbeth Schneider zu treten. Doch letztlich waren es ja auch die fruchtlosen Gespräche mit genau den beiden gewesen, die sie dazu gebracht hatten, über ein eigenes Gewandungsgeschäft nachzudenken. Die beiden wollten einfach nichts von spezielleren Stoffen oder „neumodischen Schnittmustern“ hören, und sie liebte es nun mal, Neues auszuprobieren und zu entdecken.

 

Kalinora zuckte ein wenig zusammen, als die Stimme Gutmanns an ihr Ohr drang, der lauthals die Eröffnung ihres Geschäftes anpries, und eine Portion Stolz gesellte sich zu ihren widersprüchlichen Gefühlen. Freude, Aufregung und eine grosse Menge Nervosität hatten sich in ihr breit gemacht. Sie hoffte, die richtige Auswahl getroffen zu habe, da sie für alle Kunden etwas anbieten wollte. Seien es robuste Stiefel, Hosen, Hemden und regendichte Umhänge für den Alltag der Bauern und Handwerker, oder feinere Hemden und Kleider für gehobenere Anlässe. Und natürlich für alle Wünsche, die dazwischen lagen!

 

Wann würde wohl der erste Kunde erscheinen – und war sie dann auch wirklich in der Lage, ihn oder sie zufrieden zu stellen?? Was wäre, wenn…. Kopfschüttelnd rief Kalinora sich zur Vernunft. Sie war gut ausgebildete Schneiderin, und sie freute sich auf die speziellen Wünsche ihrer Kunden und Kundinnen. Bisher konnte sie sich nichts vorstellen, was sie nicht zu machen bereit wäre. Aber das konnte sich ja vielleicht noch ändern…

 

Prüfend glitt ihr Blick über die Auslagen auf der Theke, dann rückte hier und dort noch einen Stoffballen zurecht und stellte ihn so hin, dass das Licht die Farbe gut zur Geltung brachte und strich letztlich zum wiederholten Male die Hemden glatt. Alles Ablenkungsmanöver, wie sie sich seufzend eingestehen musste.

 

Kinderlachen draussen erinnerte sie daran, dass sie ja eigentlich eine Schale mit Süssigkeiten hatte aufstellen wollen! Missmutig verzog sie das Gesicht. Sie hatte die Kekse doch tatsächlich zu Hause vergessen! Als dann aber die Kinder in den Laden stürmten, war sie irgendwie froh darum… Die Kekse wären wohl schneller weggewesen, als sie hätte schauen können – und wer weiss, das schmutzige Kinderhände ihren Stoffen und Kleidern angetan hätten…

 

So konnte sie die Kleinen nur mit einem freundlichen Lächeln begrüssen und versuchen, ihre Fragen geduldig zu beantworten. „Wofür ist das?“ „Bist du Kalinora?“ „Was ist ein Gwandigungsschäft?“ „Woher ist das?“ „Kannst du Schnee herbeizaubern?“ „Was machst du?“ „Darf ich das mal anziehen?“ „Warum machst du das?“ „Wie alt bist du?“ „Meine Mama näht unsere Kleider selber.“ „Ich hab‘ Durst!“ „Hast du auch Kinder?“ „Wo wohnst du?“

 

Kalinora glaubte schon, den Kindern würden die Fragen nie ausgehen, als einer der Jungs, der eher gelangweilt wirkte, die anderen fragte, wer zum Angeln mitkäme. So schnell, wie sie gekommen waren, waren sie wieder verschwunden, und ihr Lachen und Johlen verklang langsam Richtung Kanäle.

 

Mit einem amüsierten Schmunzeln begann Kalinora erneut, die ausgestellten Waren zurecht zu rücken und glatt zu streichen, diesmal mit gutem Grund. Sie war gerade fertig damit und wollte eben in ihrem Buch blättern, in dem sie ein paar Zeichnungen, Schnittmuster und Stoff-Ideen zusammen getragen hatte, als etwas schwerere Schritte einen weiteren Kunden ankündigten, den ersten richtigen, wie Kalinora hoffte. Und tatsächlich betrat der Händler Anthonius den Laden! Sie hatte ihn vor wenigen Tagen kennen gelernt, und er hatte sowohl Interesse an einer neuen Ausstattung gezeigt, wie auch, typisch Händler eben, sich gegenseitig mit Werbung zu unterstützen. Er würde sicherlich weit herum kommen und dürfte, wenn er erfolgreich war, über einiges an Kontakten verfügen, was für sie nur von Vorteil sein konnte, vor allem, wenn sie vielleicht irgendwelche speziellen Dinge brauchen würde….

 

Anthonius war ein angenehmer Kunde. Er wusste genau, was er wollte, benannte klar seine Wünsche und Vorstellungen, und Kalinora freute sich, da er sie damit vor absolut keine Probleme stellte. Bei den Stiefeln passte sogar eines der ausgestellten Paare so perfekt, dass Kalinora sie ihm gerne überliess. Schuhe und Stiefel waren da immer so eine Sache, die dauerten doch etwas länger zum Herstellen, da sie mit dem Leder nicht so gut klar kam, wie mit den Stoffen. Da mussten ihre Kunden halt einfach ein wenig Geduld mitbringen – wenn sie nicht gerade das passende fanden. Nachdem sie Mass genommen und sowohl Stoffwahl, wie auch Schnitt besprochen hatte, versprach sie ihm, Hose und Hemd bis zum Abend fertig gestellt zu haben, und machte sich auch sogleich an die Arbeit.

 

Sie hatte ihren ersten Kunden bedient! Die Freude beflügelte ihre Arbeit, und sie kam wirklich gut voran, auch wenn sie immer mal wieder von anderen Kunden unterbrochen wurde. Die meisten schauten sich einfach nur um, sprachen ein paar Worte, stellten ein paar Fragen und verabschiedeten sich dann höflich wieder. Doch eine junge Magierin schaute sich das Buch ihrer Vorlagen und Ideen mit Kennerblick an und bestellte ein paar purpurrote Seidenhandschuhe... Kalinora liess sich nichts anmerken und vermass die Hände der Magierin etwas umständlich, während sie fieberhaft überlegte. Ausgerechnet diese purpurroten Handschuhe… Sie hatte alles im Lager. Nein, eben, um genau zu sein, nur FAST alles… Woher sollte sie nur in absehbarer Zeit das verflixte Feueröl herbekommen?? Kalinora war irgendwie erleichtert, als die Magierin das Geschäft recht schnell wieder verliess und darum bat, ihr die Handschuhe einfach per Nachnahme-Boten zu senden. Wann und zu welchem Preis schien dabei nicht sehr wichtig zu sein.

 

Sie blickte ihr einen Moment nach, widmete sich wieder ihrer angefangenen Arbeit – und lachte leise auf. „Eine Hand wäscht die andere!“ Das war doch gerade mal ein guter Test für die Handelsgesellschaft, für die Anthonius arbeitete! Sie war gespannt darauf, wie der Händler auf ihre Frage reagieren würde… Drei Tage, dachte sie. Solange wollte sie ihm dafür schon Zeit lassen.

 

Der Tag verging wie im Fluge, und als es eindunkelte, kam der Händler wieder und Kalinora konnte ihm die fertig gestellten Kleidungsstücke präsentieren. Er war offensichtlich sehr zufrieden damit und lobte ihre Arbeit, und auch auf das Angebot, den Preis etwas zu reduzieren, im Austausch zu einer Ladung Feueröl, ging er bereitwillig ein. Kalinora jubilierte innerlich. Da schien sich wirklich eine gute Zusammenarbeit anzubahnen. Wenn es immer so gut lief, wäre sie all ihre Sorgen los! Denn gewisse Verarbeitungen benötigten doch recht spezielle Dinge, die sie nicht einfach so herbeizaubern konnte. Andere konnten das ja vielleicht… Aber SO magiebegabt war sie nun doch nicht. Ausserdem hatte das sicher mit arkaner Magie zu tun, und sie begnügte sich damit, Eis -und vielleicht auch mal Feuer- zu beherrschen.

 

Da er ihr erster Kunde und auch noch Händler war, schenkte sie ihm eine Tasche, um ihren guten Willen zur Zusammenarbeit zu unterstreichen, und sie schien auch damit Erfolg zu haben. Der Händler verliess am Ende ihr Geschäft mit doch recht zufriedener Miene, wie sie glaubte.

 

Dabei stiess er beinahe mit einem Bauern zusammen, der sich nach Kalinoras Schneiderei durch fragte. Und wieder wurde ihr bewusst, dass noch etwas fehlte… Ein Schild, ein einfaches Schild, dass darauf hinwies, dass in dem ehemals leerstehende Gebäude nun wieder Leben eingekehrt war. Sturmwinds Ausrufer Gutmann wies zwar auf den Park hin, aber dennoch war von aussen nicht so einfach ersichtlich, in welchem Haus sie denn nun arbeitete… Sie bat ihn herein und liess ihm einen Moment Zeit, sich ein wenig umzuschauen.

 

Währenddessen, begann Kalinora damit, den Seidenstoff für die Handschuhe vorzubereiten. Sie hatte zum Glück noch rotgefärbte Seide, auch das benötigte Leder, und selbst der Feuerzauber war ihr nicht unbekannt, der mit dem Feueröl zusammen den Handschuhen die zu erwartende magische Verstärkung verleihen sollte. Dieser letzte Teil war etwas aufwändiger und brauchte volle Konzentration, und so war sie eigentlich ganz froh, damit noch etwas warten zu können.

 

Der Tag war doch anstrengender gewesen, als erwartet, was sicher hauptsächlich an der Nervosität lag – und daran, dass ihr laufend Dinge einfielen, die sie vergessen hatte, oder die ganz einfach noch fehlten. Sitzgelegenheiten, z.B., nur schon, um Schuhe oder Stiefel anzuprobieren. Eine sichtgeschützte Umkleidezone, kleine Aufmerksamkeiten, wie Kekse oder etwas zu Trinken… Sicher würden ihr danach noch mehr Dinge in den Sinn kommen. Aber das machte ja nichts. Sie wollte das Ganze langsam angehen. Ihr Traum wäre ja „Das feine Band“ – aber die Stadtverwaltung wollte ein so zentral gelegenes, zweistöckiges Geschäft nicht an eine unerfahrene und noch unbekannte Neueinsteigerin abgeben… Vielleicht, wenn sie sich mal einen Namen gemacht hatte?

 

Ihre Gedanken schweiften etwas in Zukunftsträume ab, bis der Bauer mit einigen Bemerkungen und Fragen wieder auf sich aufmerksam machte. Sie hatte damit gerechnet, dass er, wie andere einfache Leute vor ihm, sich nur kurz umschauen und dann wieder weiterziehen würde. So einen ersten Blick in das Geschäft werfen, und dann zu Hause in Ruhe überlegen, was denn nun wirklich notwendig war, und was nicht doch selbst gemacht günstiger zu stehen kam… Sie kannte die Sorgen und Nöte der einfachen Leute und hatte ihr Verständnis dafür. Umso erfreuter war sie, als der Bauer sich danach erkundigte, was denn ihre Spezialität sei. „Massgeschneiderte Kleidung und Schuhe! Niemand soll das Geschäft mit irgend etwas verlassen müssen, das nicht absolut perfekt passt!“ Ihre Zunge war schneller, als ihre Gedanken, und sie hätte sich im nächsten Moment ohrfeigen können. Als ob sich ein einfacher Bauer für Massanfertigungen interessiert!! Glücklicherweise ging er nicht darauf ein, vielleicht war er zu irritiert von dem Gedanken, wie sie selbst es ja auch gerade war, und fragte stattdessen, ob sie denn auch Flick-Arbeiten übernehmen würde.

 

Erleichtert und erfreut bestätigte Kalinora dem Mann dies. Natürlich, ehe ein Bauer sich neue Kleidung anschafft, wird die alte so gut und so oft es geht geflickt! Und selbstverständlich würde sie auch das übernehmen. Es war ihr wirklich ein Anliegen, für alle da zu sein, und wenn er dies seinen Freunden und Bekannten weiter erzählen würde, hätten vielleicht bald auch die einfachen Leute den Mut, sich an sie zu wenden. Besser konnte der Tag ja gar nicht enden!

 

Als der gute Mann dann allerdings von seinen Socken sprach, zur Demonstration seinen Stiefel auszog und mit den fast rundherum sichtbaren Zehen wackelte, war die Schneiderin dann doch ein wenig schockiert. Nicht, weil er sie von ihr flicken lassen wollte, als vielmehr deswegen, dass er mit solchen Strümpfen überhaupt noch gehen konnte, ohne die Zehen abzufrieren! Schliesslich stand der Winter vor der Tür, und der Schnee würde nicht mehr lange auf sich warten lassen… Eine Wäsche hatten die Socken sicher auch nötig, doch leider besass der gute Mann keinen Ersatz und konnte sie nicht einfach über Nacht da lassen. Und da sie ja eben leider keine Sitzgelegenheiten besass, beschloss die Magierin, ihn in den „Blauen Eremiten“ einzuladen, wo sie die Flickarbeit übernehmen würde, während er sich in der warmen Gaststube ausruhen und etwas trinken konnte.

 

Irgendwie schlich sich Mitleid in ihr Herz, von dem sie aber genau wusste, dass es ihn in seinem Berufs- und Standes-Stolz beleidigen würde, wenn er davon wüsste. Und so versuchte sie, ihm mit Witz und Charme das Angebot zu machen, die Socken ohne Entgelt zu flicken, da dies ja ihr erster Arbeitstag sei. Seine Reaktion war so einfach, wie erfrischend: er gab ihr gratis und franko Unterricht im „richtig Geschäfte abschliessen“, wenn sie je auf einen grünen Zweig kommen wolle, und „bezahlte“ ihre Dienstleistung mit frischer Milch und (zähem) Brot, das sie für den nächsten Arbeitstag ihren Kunden zur Verfügung stellen mochte. Das Brot ganz dünn aufgeschnitten, selbstverständlich, damit es auch recht lange für viele reicht… Ja, Bauer muss man wohl sein, um einen Sinn für gute Geschäfte zu haben!

 

Sie räumte noch etwas auf, kehrte die Stofffetzchen und Fadenschnipsel zusammen und beendete ihren ersten Arbeitstag als frischgebackene Geschäftsbesitzerin.

 

Sie hatte an diesem Tag sehr viel Glück gehabt, wie Kalinora kurz darauf feststellen durfte, als der Händler Anthonius ihr auf einem Pferd entgegen ritt, während sie mit dem Bauern zur Taverne unterwegs war. Er hatte tatsächlich einen weiteren Händler der „Handelsgesellschaft Nord“ getroffen, dessen Kontaktmann das von ihr benötigte Feueröl auf Lager gehabt hatte!

 

So kam es, dass Kalinora den Abend im „Blauen Eremiten“ beschloss, ihre Hände mit Lederhandschuhen davor schützte, sich beim Socken-Stopfen in die Finger zu stechen (bei den grossen Löchern war schon eine grosse Nadel nötig…) und dabei ihre Nase erstaunlich häufig über ihren Becher Melonensaft hielt, ohne wirklich viel davon zu trinken, während sie arbeitete… Der Bauer ging grosszügig über diese Kleinigkeiten hinweg und erzählte bereitwillig von seiner Kuh und von seinem Garten, in dem ganz spezielle Apfelbäume standen……

Ich erhoffe nichts. Ich fürchte nichts. Ich bin frei. (Nikos Kazantzakis)
Beitrag #302 erstellt am: / Zuletzt geändert am:

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Wieder einmal regnete es. Kalinora blickte trotzdem immer wieder zum Fenster hinaus, auch wenn sie nicht damit rechnete, dass sich daran irgend etwas ändern könnte. Im Moment rechnete sie sogar mit gar nichts. In ihren Händen hielt sie ein Stück einfachen Leinenstoff, an dem sie ein paar neue Stickmuster ausprobieren wollte, doch irgendwie gelang es ihr heute nicht, mit Nadel und Faden das zu gestalten, was sie in ihrem Inneren vor sich sah. Oder eben vielleicht doch. Ihr Blick senkte sich wieder auf den grobgewirkten Stoff, der, von den kleinen Löchern der aufgetrennten Stiche abgesehen, genauso leer war, wie sie sich fühlte.

 

Sie atmete tief durch und legte alles beiseite. Einfach hier zu sitzen und Trübsal zu blasen, war auch keine Lösung. Es war Zeit für eine Reise, Zeit, sich abzulenken, Abstand zu gewinnen und ihre Pläne nochmals zu überdenken.


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Die Kühle des Nordens umfing sie, als sie auf die Terrasse des Zimmers in Dalaran trat. Einzelne Schneeflöckchen schwebten tanzend hernieder und verfingen sich als kleine Sternchen in ihrem Haar und auf ihrem Umhang. Sie liess den Blick über die edel gebaute Stadt gleiten, doch nichts konnte ihn einfangen, ihr Interesse binden oder wenigstens ihre Neugierde erwecken. Sie wusste, dass Dalaran wunderschön war und dass die Stadt sie einst unglaublich beeindruckt hatte – doch heute spürte sie nichts davon. Etwas in ihr war wie ausgebrannt und auch die Reise hatte nichts daran geändert. Gut, sie war ja auch nur einen Augenblick zuvor im verregneten Sturmwind gewesen und bei so einem Teleport war es schwierig, sich selbst zu entfliehen…

 

Seufzend drehte Kalinora sich um, lehnte ans Geländer und sank langsam daran entlang nieder. Sie umschlang ihre angezogenen Beine, legte die Stirn auf die Knie und schloss die Augen. Egal, wohin sie gehen würde, die Probleme lösten sich nicht von alleine. Sie musste schon selber etwas dazu beisteuern.


~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~


Die Gedanken kamen und gingen, Bilder tauchten auf und versanken wieder. Ihre Finger erinnerten sich an das Gefühl des Froststoffes, mit dem sie gearbeitet hatten. Auch an die weichfliesende Seide, in die sie sich selbst auch gerne gekleidet hatte. Aus der Leere blitzten die magischen Formeln auf, mit denen sie die Stoffe durchwirkt und die verschiedensten, speziellen Reagenzien eingewoben hatte. Wann hatte es aufgehört, Spass zu machen? Wann war ihre Begeisterung für das Neue, Unbekannte verschwunden? Wann waren die Herausforderungen scheinbar unüberwindlich geworden? – Letzteres nie, stellte sie mit einem trockenen Auflachen fest. Diese Teufelsstoffrobe hatte sie zwar an den Rand des Erträglichen gebracht, aber das hatte mehr an der Kundin gelegen, als daran, dass sie es leid gewesen wäre, Dämonen wegen ihrer Runen und ihren mit dämonischer Magie durchwirkten Stoffen zu jagen – und diese dann auch noch zu verarbeiten. Selbst die Unmengen an Froststoffen, die sie zusammengetragen hatte, waren nie eine Last gewesen. Doch dann hatte sie es plötzlich mit Gegenständen zu tun gehabt, die ihr völlig fremd waren. Sie hatte keine Ahnung, woher sie kamen, wie sie entstanden waren, was zu ihrer Beschaffung nötig gewesen war…

 

Da war sie ja, diese Leere, ganz greifbar geworden! Das Unwissen war es, das sie aufgezehrt hatte! Sie musste diesen Dingen auf den Grund gehen. Sie musste wissen, womit sie es zu tun hatte. In jedem Kleidungsstück war ein Teil ihrer selbst, es war ihre Magie, ihr Willen, es waren ihre Hände, ihre Gedanken, die diese Dinge entstehen liessen. Sie hatte gelernt, ihre magischen Kräfte zu kontrollieren, doch das sich Einfühlen in ihre Arbeit und das Sich-wieder-daraus-Lösen, das hatte sie offensichtlich noch nicht im Griff. Sie hatte sich zu schnell zu viel zugemutet und es zugelassen, dass sie sich mit Dingen verband, die sie nicht begreifen konnte. Kein Wunder, dass da etwas von ihr verloren gegangen war! Darauf hatte sie niemand vorbereitet, und sie hatte nicht damit gerechnet.

 

Kalinora hob den Kopf, liess die Arme etwas tiefer sinken und zog ihre Füsse zu sich. Und da sie ja schon hier in Dalaran war, wäre es wohl nicht so schwierig, etwas über all diese Dinge erfahren zu können.

Mit neuer Kraft und entschlossen erhob sie sich – nur um gleich darauf missbilligend die Brauen hoch zu ziehen, als sie der Dämmerung gewahr wurde, die sich über die Stadt gelegt hatte.

Jetzt, wo sie wusste, was zu tun war – musste sie sich wieder in Geduld üben… Aber Morgen war ja auch noch ein Tag. Und der durfte wohl wieder spannend werden.

Ich erhoffe nichts. Ich fürchte nichts. Ich bin frei. (Nikos Kazantzakis)
Beitrag #348 erstellt am: / Zuletzt geändert am:

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Erstens kommt es anders, und zweitens, als man denkt….


"Liebstes Rehlein

Wie geht es dir? Was treibst du so? Ich hoffe, derzeit nichts Wichtiges?

Ich brauche deine Hilfe, meine Beste! Du weisst, ich wende mich nicht leichtfertig an dich, aber mir ist da etwas ganz Dummes passiert… Leider kann ich dir nicht einmal viel darüber erzählen, aber das kannst du sicher verstehen. Ja, auch gewisse Magier-Kreise haben ihre Geheimnisse, die nicht schriftlich festgehalten werden sollten! Nur so viel: ich bin in Dalaran – und komme hier für wahrscheinlich recht lange Zeit nicht weg.
"

Kalinora seufzte leise, als sie den etwas heftig gesetzten Punkt betrachtete – und verzog dann noch missmutiger das Gesicht, während das wissende Grinsen auf dem Gesicht ihrer Schwester vor ihrem inneren Auge auftauchte. Die Kleine würde genau wissen, was dieser Fleck bedeutete! Sie würde sich ihren Ärger vorstellen können – und sich köstlich darüber amüsieren! Aber eben… Kalinora hatte genau EIN Pergament zur Verfügung, um ihre persönlichen Angelegenheiten zu regeln.

Nun gut, mochte sie es halt mal wieder erfahren, wie verstrickt das Leben ihrer grossen Schwester manchmal war… Die Magierin tauchte die Spitze der Schreibfeder wieder in das Tintenfass, und fuhr etwas ruhiger geworden fort.

"Ja. Genauso ist es.

Nun ist es aber leider so, dass ich vor kurzem im Park von Sturmwind ein Geschäft eröffnet habe, eine Schneiderei, und wenn die nun für die ganze Zeit geschlossen ist, wird mir der Stadtverwalter sie sicher wieder entziehen und es sich fünfmal überlegen, ob er mir je wieder die Zulassung zur Führung eines Geschäftes gibt! Das will ich nicht riskieren. Und darum…

übergebe ich dir hiermit die Vollmacht, die Verwaltung der Schneiderei zu übernehmen, bis ich wieder zurück bin.
"

Noch einmal atmete Kalinora tief durch. Nun war es festgelegt, und es gab kein Zurück mehr. Es war ein Risiko, ein grosses sogar. Wer konnte denn voraussehen, was ihre Schwester alles anstellen würde? Aber es musste sein. Sie musste ihr vertrauen. Sie hatte sonst niemanden, dem sie diese Bürde aufladen konnte. Und egal, was passierte, es waren ja die Taten ihrer Schwester, nicht die ihren, sie sollte das bei ihrer Rückkehr wohl alles wieder zurechtbiegen können. Das hoffte sie zumindest sehr…

Sie verkniff sich jede weitere persönliche Bemerkung, setzte schwungvoll ihre Unterschrift auf das Pergament, wartete, bis die Tinte trocken war, rollte es dann zusammen, versiegelte es mit dem Siegelwachs der Kirin Tor. Dann suchte sie einen Boten, der die Nachricht ins Hügelland bringen würde…

Ich erhoffe nichts. Ich fürchte nichts. Ich bin frei. (Nikos Kazantzakis)
Beitrag #350 erstellt am: / Zuletzt geändert am: