Fehlerkonsole:
Du musst angemeldet sein, um einem Beitrag schreiben zu können.

Sirala Ilandrion

[Game Master]
PM senden

Als vor knapp 30 Jahren Teldrassil gepflanzt wurde, streifte Sirala alleine und ziellos durch die Wälder, ein Kind noch, auf sich gestellt, doch mit dem untrüglichen Instinkt begabt, ihr Überleben zu sichern: Sie hielt sich von allen und allem fern, was ihr gross und gefährlich erschien, lebte in Höhlen, auf Bäumen, in verlassenen Bauten, und sie teilte ihr Leben nur mit einigen wenigen tierischen Begleitern. Gross und gefährlich erschienen ihr auch die Siedlungen der Menschen und Elfen, und auch wenn sie diese Wesen von ferne und heimlich beobachtete, studierte und von ihnen zu lernen versuchte, vermied sie doch jeglichen direkten Kontakt. Sie war ein Kind der Wildnis, behände, flink, leise - und tödlich, wenn es sein musste.

 

Die letzten Jahre ihrer Kindheit wurden schwer und schwerer, denn eine plötzliche, tiefe Leere machte sich in ihr breit. Ihre Begleiter, nützlich bei der Jagd, unterhaltend beim Spiel und Sicherheit vermittelnd, während sie schlief, vermochten diese Leere nicht auszufüllen und den unerklärlichen Hunger nicht zu stillen, der in ihr nagte. Es dauerte lange, bis sie erkannte, dass es der Austausch mit Ihresgleichen war, den sie vermisste, und noch einmal so lange, bis sie den Mut fand, sich einer Nachtelfensiedlung und ihren Bewohnern zu nähern und sich offen zu zeigen.

 

Sirala wurde freundlich empfangen und schliesslich in den Schutz Teldrassils gebracht, wo sie noch einige Jahre unterrichtet und ausgebildet wurde. Dass sie nie über ihre Vergangenheit sprach, wurde allgemein respektiert, bot manchem aber auch Raum für vielerlei Spekulationen. Sie war von einem schier unersättlichen Wissensdurst geprägt, ging neugierig auf alles und jeden zu, erforschte, was es zu erforschen gab und stellte alles in Frage, bis sie es wirklich verstand. Doch genau dies, verbunden mit ihrem Forscherwillen, führte letztlich dazu, dass sie den Drang verspürte, der sichere Welt von Teldrassil und den Gefielden der Nachtelfen zu entfliehen und sich mit anderen Völkern zu beschäftigen. Im Gegensatz zu den Traditionalisten ihres Volkes, neigte sie zu der Ansicht, von jedem lernen zu können, so, wie sie es zuvor von den Tieren und Wesen der Wälder ebenfalls getan hatte.

 

Mit knapp 305 Jahren, nun erwachsen geworden und stark genug, sich den Anforderungen des Lebens zu stellen, verliess Sirala Teldrassil und begann ihre Wanderung durch Azeroth. Noch immer liebte sie es, mehr als alles andere, alleine mit ihren tierischen Begleitern durch die Wälder zu streifen, sich der Jagd und dem täglichen Kampf ums Überleben hinzugeben, doch ihre Neugierde trieb sie immer wieder in die Nähe der Menschen -und manchmal auch der Zwerge-, um von ihnen zu lernen. Kochen, zum Beispiel. Interessante, neue Geschmacksrichtungen, manche sehr bekömmlich, manche mit fragwürdigen Zutaten und dennoch letztlich recht schmackhaft, andere wiederum so fremd, dass sie es bei einem einzigen Versuch beliess.

 

Und dann waren da noch diese seltsamen Gebräue der Menschen und Zwerge... Zweimal hatte Sirala sie intensiv getestet, war einem Shan'do begegnet, der sich gut damit auskannte und hatte sehr interessante Erfahrungen dabei gemacht. Ausserordentlich interessante. Allerdings nur bis zum Aufwachen... Nur schon der Gedanke an ihre Trunkenheit liess sie erröten, was ihre Wangen bis zu den Ohrenspitzen in ein tiefes, unübersehbares Schwarz verfärbte, und der zweite brummende, pochende Schädel genügte dann doch, um einen festen Entschluss zu fassen: nie wieder einen Tropfen dieser heimtückischen, süssen, scharfen, schrecklich-interessanten Gebräue!

 

Von nun an nur noch Mondbeerensaft...

Ich erhoffe nichts. Ich fürchte nichts. Ich bin frei. (Nikos Kazantzakis)
Beitrag #152 erstellt am: / Zuletzt geändert am:

[Game Master]
PM senden
Die Tage zogen ins Land, und Sirala liess sich treiben. Ab und an bot sie ihre Hilfe an, vor allem, wenn es die Belange der Nachtelfen betraf, doch sie behielt sich ihre Unabhängigkeit und genoss ihre Freiheit. Sie verweilte nie lange am selben Ort, ausser wenn die Gegend sie ausserordenltlich faszinierte. So geschah es auch in Feralas. Das üppige, pralle Leben, das die Natur hier zeigte, fesselte sie, vor allem, nach der Öde von Desolace, das sie relativ zügig durchstreift hatte.


Der Duft der exotischer Blüten und des vom heutigen Dauerregen feuchten Waldbodens, gemischt mit der Würze vermodernden Laubes,  umschmeichelte ihre Sinne und weckte pure Lebenslust. Sirala war einige Male an einem Wasserfall vorbei geritten, der schon beim ersten Entdecken ihre Neugierde geweckt hatte. Es war eine heimliche Leidenschaft, die Wasserfälle für sie zu den interessantesten Ereignisse der Natur machten, und an diesem Tag konnte sie nicht widerstehen. Sie führte ihren Säbler zielsicher über den Hang hinauf, bis sie den wild fliessenden Wildbach erklommen hatten, der auf der einen Seite unter der Wurzel eines Baumes über die Felsen hinabfloss.


Das Tosen des Wasserfalles vernebelte ihre Gedanken, löschte sie aus, nahm sie in sich auf und spülte sie davon, liess sie in der Gischt aufsteigen und im sprudelnden Wasser untergehen, hinabstürzen, in die tiefsten Tiefen des Seins. Sirala spürte, wie sich ihr Innerstes unter der Wirkung des donnernden Wassers ausdehnte, wie das Sein das Denken hinwegspülte, und sie ganz Eins wurde mit der sie umgebenden Natur. Es gab nichts, ausser ihr und den alles übertönenden, feinsprühenden, hart prasselnden Wassermassen. Erinnerungen, Vergangenheit, Pläne und Zukunft verschwammen und Sirala spürte, wie das Hier und Jetzt jede Faser ihres Seins erfüllte.


Ein sanfter Schenkeldruck lenkte den Säbler auf einen Wurzelstrang, der über dem Wasser schwebte. Die Gischt legte sich wie ein Schleier licht um sie und kühlte ihre Haut mit feinem Prickeln. Sie legte den Kopf in den Nacken, schloss die Augen und spürte die Gischt wie tausend Küsse ihr Gesicht und ihren Hals umschmeicheln. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen und sie gab sich für einen Moment ihren Erinnerungen hin, bis das Verlangen nach mehr sie weiter trieb.


Ein weiterer Schenkeldruck, und der Säbler sprang geschickt auf die Felsen unter ihnen. Nun stand sie am Rande des fallenden Wassers, Regentropfen gleich streichelte der Wasserfall über ihr Gesicht, ihre Arme, ihre Beine, wie hunderte zarter Finger, die die Konturen ihres Körpers nachzeichneten, kühl und hauchzart, manchmal kaum spürbar. Ihr Lächeln vertiefte sich, und sie genoss das vor ihr nun lauter tosende Wasser, das all ihre Gedanken in sich begrub. Dies war das Geheimnis des Wasserfalls, das sie so sehr liebte: er vertrieb alle Gedanken und füllte sie nur mit Sein, mit immerwährendem Sein, unendlicher Präsenz, ohne Vergangenheit, ohne Zukunft, ohne Fragen, ohne Hoffnungen, ohne Angst, ohne Sehnsucht, nur mit dem Hier und Jetzt erfüllten Lebens.


Diese mit unendlichem Sein erfüllte Weite im Herzen, glitt Sirala vom Säbler und trat einen Schritt weiter, Mitten unter das prasselnde Wasser. Hier war es eine Frage weniger Fingerbreiten, ob das Wasser sie kräftig und fest umtoste, oder hart und schmerzlich auf ihren Nacken, ihren Rücken donnerte. Sie spielte mit den Eindrücken, schloss erneut die Augen und spürte, wie das Wasser wie kräftige Hände ihre Muskeln wohltuend massierte und lockerte und Entspannung in ihren Körper hineinknetete. Lange stand sie da, die Arme so gut es ging ausgebreitet, Kopf und Oberkörper leicht nach vorne geneigt, manchmal ein wenig zurück pendelnd, bis sie schliesslich in die Hocke ging, ihre Knie mit den Armen umfing und ihren Kopf und ihr Gesicht unter das trommelnde Wasser hielt.


Ohne es bewusst wahrzunehmen, vermischten sich Tränen und Wasser, spülten Erinnerungen und Sehnsüchte aus ihrem Herzen, reinigten es von Schmerz und Trauer und erfüllten es mit neuer Zuversicht. Minutenlang kauerte sie reglos da, weit weg in den unendlichen Gefielden grenzenlosen Seins schwebend, bis der aufkommende Wind sie mit einem unangenehmen Frösteln ins Hier und Jetzt zurück holte. Sie öffnete die Augen und lächelte.


Geschmeidig erhob sich die Jägerin und schwang sich erneut auf ihren Säbler. Ein Wort nur genügte, und er suchte die passende Stelle, blickte hinunter - und sprang...


Wie schwerelos glitt Sirala durch den Vorhang des Wasserfalles, hinaus in die Welt von Feralas, die sie mit ihren Düften und dem Konzert exotischer Tiere wieder einfing. Das gewaltige Tosen des Wassers blieb hinter ihr zurück, und während sie fiel, pulsierte eine aufputschende Energie durch ihre Adern, die jede Faser ihres Körpers heiss zu erfüllen schien. Das Eintauchen in das kühlende Nass des kleinen Sees tief unter dem stürzenden Wasser genügte nicht, um ihr pochendes Herz zu beruhigen. Sie liess ihren Säbler ziehen, tauchte mit einem befreiten Lachen auf und schwamm zügig ans Ufer, wo sie sich, gleichzeitig aufgepeischt und ermattet, in das hohe Gras hinauf zog, sich auf den Rücken drehte, und, ein wenig stolz und mit kindlicher Freude erfüllt, hoch hinauf zu dem Wildbach blickte.


Ihr Säbler schüttelte das Wasser aus seinem Fell und legte sich dann neben sie. Sirala drehte sich ihm zu, kraulte sanft seinen Nacken, kuschelte sich in die Wärme seines Fells - und glitt in einen traumreichen Schlaf...
Ich erhoffe nichts. Ich fürchte nichts. Ich bin frei. (Nikos Kazantzakis)
Beitrag #155 erstellt am: / Zuletzt geändert am:

[Game Master]
PM senden

Wieder und wieder zogen die schwärmerischen Worte -und die dadurch entstehenden Bilder- durch Siralas Gedanken. Nagrand.... das Land mit den fliegenden Inseln und deren Wasserfällen... So, wie Leyn es ihr beschrieben hatte, schien es das Paradies zu sein! Er hatte ihr damit ein neues Ziel vorgegeben, denn seit sie davon gehört hatte, zog es sie dort hin. Sie wollte es mit eigenen Augen sehen.

 

Nagrand. Ein Wort aus der orkischen Sprache, das mit "Land der Winde" übersetzt werde, hatte er gesagt. Nagrand, ein Gebiet der Scherbenwelt, des zerstörten Heimatplaneten der Orks. Wollte sie das wirklich sehen?? Wie viele Orks waren noch dort? Könnte sie die Schönheit des Landes überhaupt geniessen, oder würde hinter jedem Stein, hinter jedem Baum ein Kampf ums Überleben lauern? Wäre das Leben für sie dort überhaupt lebenswert? Sie wusste es nicht - und würde es erst erfahren, wenn sie dort wäre.

 

Sie hatte vom Portal in den verwüsteten Landen gehört. Und auch von der Welt jenseits davon, der Höllenfeuerhalbinsel. Öde und kahl, von Dämonen überrannt, ein Ort, an dem um strategische Vormachtsstellungen gekämpft wird. Ein lebensfeinliches Kriegsgebiet, das auf der Liste ihrer Wünsche und Pläne auch dann keinen Platz hätte, wenn diese Liste existieren würde.

 

Sie wusste, dass sie dieses Gebiet durchqueren musste, dass nichts daran vorbei führte, wenn sie Nagrand wirklich jemals sehen wollte. Und das hielt sie zurück. Noch war sie nicht bereit, durch die Hölle zu gehen, um einen Blick in das vermeintliche Paradies werfen zu können.

 

Sirala kraulte das Nackenfell ihres Säblers und genoss die letzten Strahlen der Sonne, die das flockige Wolkenmeer mit flammenden Farben entzündeten. Es würde wieder eine laue Nacht werden, trocken und angenehm. Sie glitt vom Rücken ihres Reittieres und richtete sich einen Lagerplatz ein. In der Nähe plätscherte ein Bach über einen kleinen Abhang in den See, an dessen Ufer sie sich hinsetzte und die Angel auswarf um für sich und ihren Begleiter ein paar Fische zu fangen. Alles andere konnte noch warten.

Ich erhoffe nichts. Ich fürchte nichts. Ich bin frei. (Nikos Kazantzakis)
Beitrag #224 erstellt am: / Zuletzt geändert am:

[Game Master]
PM senden

Brief an einen weit entfernten Freund

 

"Liebster Freund

 

Wie ich im Zirkel des Cenarius hörte, wurde schon vor langer Zeit eine Expedition zur Scherbenwelt geschickt, welche die dortige Natur untersuchen und die Balance schützen will und dringend weitere Unterstützung benötigt. Dies wird nur hinter vorgehaltender Hand beredet, da gerade in Silithus so viel im Argen liegt, dass vom Zirkel selbst daraus keine offizielle Angelegenheit gemacht werden kann.

 

Du weisst, dass ich von Nagrand gehört habe, und du kennst mich gut genug, um zu wissen, dass meine Neugier irgendwann stärker wird, als alles andere. Und so wird es dich nicht überraschen, dass ich mich gestern auf die Reise begeben habe - und nun einfach hoffen muss, dass dieser Brief dich überhaupt erreicht!

 

Ja, ich bin zur Zeit auf dieser Scherbenwelt. Doch bitte: folge mir nicht zu rasch und überlege es dir wirklich gut, ob du dir das antun möchtest! - Nein, noch besser: warte bitte, ich werde zurück kehren, dann können wir gemeinsam weiterschauen.

 

Es ist schrecklich hier! Schon das riesenhafte, grünschimmernde, bedrohliche Portal in den verwüsteten Landen liess mich zögernd innehalten. Ein Blick zurück über das karge Gebiet lässt erahnen, wie es dahinter aussehen mochte. Und doch ist die Realität ganz anders, als wohl jede Vorstellung.

 

Man versicherte mir, dass die Durchschreitung des Portals nicht anders sei, als die durch jedes andere Portal hier in Azeroth. Ich konnte dies kaum glauben, da ich hier nur die Portale der Magier kenne, die sie mit ihrer eigenen Kraft öffnen und aufrecht erhalten, und die einzig räumliche Entfernungen auf unserer Welt überbrücken. Gut, einige ja sogar den Mahlstrom, dennoch führen sie sicher nicht durch ihn hindurch, sondern über das Meer hinweg.

 

Aber dieses grosse, dunkle Portal.... wird von seltsamen, riesigen dunklen Steinsäulen gebildet und gehalten und führt durch das Nichts zwischen den Welten, auf die haltlos schwebenden Bruchstücke einer zerstörten Welt... Einfach nur gross und gefährlich. Zum Weglaufen.

 

Und dennoch wagte ich letztlich den Schritt, den Glücksbringer fest umklammernd, den mir ein Freund aus meinem Volk zugesandt hatte, als er von meinem Entschluss hörte. Er hatte den Schritt schon getan, hat ihn überlebt und wusste sicherlich, dass ich alles Glück der Welt brauchen würde.

 

Mein Herz klopfte bis zum Hals und ich glaubte, in alle Einzelteile zerlegt zu werden! Doch tatsächlich dauerte dieser eine Schritt wohl nur wenige Augenblicke, vielleicht sogar nur einen einzigen - und auf der anderen Seite empfing mich... trockene Hitze und ohrenbetäubendes Gebrüll!

 

Für einen Augenblick war ich wie gelähmt, stand erstarrt, verkrampft und wie erschlagen da. Der Anblick ist so unbeschreiblich schrecklich, dass ich mich kaum mehr an Einzelheiten erinnern kann. Eine rote, trockene Steinwüste, Dämonen, grösser und gefährlicher als alles, was mir bisher begegnet ist. Ein paar Menschen und Zwerge, auch Orks und Tauren glaube ich gesehen zu haben, die sich in gebührendem Abstand voneinander auf einer Steintribüne befinden und nebeneinander gegen die Legion antreten...

 

Ich wollte nur weg! Weg von den sinnlos erscheinenden Kämpfen, weg von diesem schrecklichen Lärm, dieser trockenen, staubigen Luft. Fast wäre ich wieder umgekehrt.

 

Sei froh, dass du nicht an meiner Seite warst! Du könntest deinen Arm wohl die nächsten Tage nicht gebrauchen, so sehr hätten sich meine Hände in ihn verkrampft. So pressten sie nur den Glücksbringer in sich hinein, der einen ebenso bleibenden Abdruck für die nächsten Tage hinterlässt. Aber zumindest konnte ich die Zügel des Säblers noch halten, auch wenn ich ihn nur mit den Knien lenkte und mich an den Zügeln mehr festhielt, als etwas anderes!

 

Er preschte los, wollte ebenso schnell wie ich weg von hier und obwohl alles in mir nach Umkehr schrie, trieb ich ihn gedankenlos und panisch weiter hinein in diese Hölle, vorbei an nicht enden wollenden Reihen von Dämonen, irgendwie mitten durch die Front, allem ausweichend, was mir begegnete... Und der Glücksbringer tat seine Wirkung. Diese Ungeheuer sind so gross und so auf die Eroberung des Portals fixiert, dass sie mich einfach übersahen!

 

Dennoch wurde es hinter der Front nicht besser. Stell dir vor, da schiessen Feuersäulen einfach so aus dem Boden! Vielleicht künden sie sich ja vorher an, doch in dem Lärm, der hier über allem schwebt, ist einfach nichts anderes zu hören. Ich konnte kaum denken und verliess mich auf den Instikt meines Säblers... Als wir von einem vermeintlichen Eber verfolgt wurden, erkannte ich, dass auch diese "Tiere" nichts anderes, als Dämonen sind!

 

Wirklich, mein Freund, ich rate dir dringend davon ab, alleine hier her zu kommen! Ich will dich nicht verlieren, hörst du?!

 

Nach schier unendlicher Zeit sah ich aus den Augenwinkeln links die hellen Steinmauern einer Feste auftauchen und lenkte meinen Säbler spontan in diese Richtung. Sie wirkten entfernt vertraut, es sah nach Menschen oder Zwergenwerktaus, und versprachen Schutz und ich hoffte auf einen Moment der Ruhe, um meine Gedanken wieder sammeln zu können. Und tatsächlich, mein Glück und mein Instinkt führten mich zur Ehrenfeste, dem ersten Stützpunkt der Allianz auf dieser Welt. Und hier sitze ich nun und schreibe mit noch immer zitternden Händen diese Warnung an dich. Aber so langsam beruhige ich mich wieder.

 

Vielleicht gibt es ja auch einen einfacheren Weg hierher. Eine Flugverbindung zum Portal gibt es auf jeden Fall. Und vielleicht hätte ich mich zuerst umschauen und mit jemandem sprechen müssen, ehe ich davon geprescht bin. Möglicherweise sogar schon vor dem Portal. Doch wieder einmal ist meine Neugier grösser als mein Verstand gewesen. Etwas, das dir zum Glück nicht passieren kann...

 

Mein Herz pocht noch immer, doch nun so, wie es dies immer tut, wenn ich an dich denke. Und jetzt, da ich wieder denken kann, bereue ich es, nicht zu dir gereist zu sein...

 

Mach dir keine Sorgen, ich bin unverletzt, werde hier für die Nacht ausruhen und morgen weiter schauen. Ich will Nagrand unbedingt sehen, um dir dann davon berichten zu können, jetzt, wo ich schon hier bin! Doch ich werde so schnell wie möglich zurück kehren.

 

Bitte, folge mir nicht!

 

Elune sei mir dir, so, wie meine Gedanken bei dir sind.

 

Sirala"

Ich erhoffe nichts. Ich fürchte nichts. Ich bin frei. (Nikos Kazantzakis)
Beitrag #243 erstellt am: / Zuletzt geändert am:

[Game Master]
PM senden

Nach einer unruhigen Nacht, in der sie immer wieder aufschreckte und nie sicher war, ob das Brüllen der Dämonen tatsächlich durch die Nacht schallte oder nur in ihren Träumen wütete, war der Wunsch, diesen Teil der Scherbenwelt so schnell wie möglich zu verlassen, übermächtig geworden. Dennoch erkundigte sie sich, ob jemand etwas über die Expedition des Cenarius wisse und wurde tatsächlich der Strasse entlang nach Westen geschickt. Und bei der Antwort auf die nächste Frage erfuhr sie, dass der Weg nach Nagrand in ebendiese Richtung führte, am Besten über Shattrath, das durch die Zangarmarschen erreichbar sei, wo sich auch die Zuflucht des Cenarius befinde....

 

Als Sirala aus dem Gasthaus trat, um ihren Säbler zu füttern und danach zu satteln, fiel ihr auf, dass das Licht sich seit dem gestrigen Abend nicht verändert zu haben schien. So blickte sie zum ersten Mal bewusst zum Himmel hinauf - und blieb wie angewurzelt stehen. Ein unglaubliches Bild bot sich ihren Augen. Das, was sie zuerst als vier Monde deutete, glaubte sie langsam aber sicher als eine weiter entfernte Sonne und drei Planeten zu erkennen. Letztere zum Teil aber so nah und gross, dass sie so aussahen, als ob sie gleich auf die Scherbenwelt zu stürzen drohten - oder diese auf sie, mit ihnen kollidierend! Nach einigen Augenblicken, in denen sie die Überzeugung gewann, dass im Moment doch alles an Ort und Stelle blieb, stiess Sirala die Luft wieder aus. Sie hatte nicht einmal mitbekommen, dass sie sie angehalten hatte. Dennoch glitt ihr Blick immer wieder hinauf, misstrauisch und wieder erneut einen Schritt mehr verunsichert. Alles in und an dieser Welt war so fremd! Doch wo bei ihr sonst die Neugier überwiegte, schien sie hier in einem Albtraum angekommen zu sein, den sie nur so schnell wie möglich verlassen wollte.

 

Während sie aus der Ehrenfeste hinaus ritt, betrachtete sie sinnierend den Glücksbringer. Was sie als keine Geste der Aufmerksamkeit gewertet hatte, mochte ja eventuell doch etwas mehr sein. Es war ja schon erstaunlich, dass alle ihre Ziele auf ein und demselben Weg lagen. War an diesem Amulett vielleicht doch mehr dran? Wenn sie überlegte, wie gut sie es bis hierher geschafft hatte, und nun noch dieser Zufall... Wer weiss, vielleicht lag tatsächlich ein Zauber darauf.

 

Ihre Gedanken wurden jäh unterbrochen und sie zügelte reflexartig den Säbler. Auf dem Weg vor ihr bewegte sich eine Gestalt, in der typischen, von weitem schon erkennbaren Art und Weise. Ein Kraftpaket von einem Ork! Doch etwas stimmte nicht, und es dauerte einen Moment, bis Sirala erkannte, was es genau war. Noch andere waren weiter ihm Hintergrund zu erkennen, doch diese waren vor dem roten Felsgestein der Höllenfeuerhalbinsel kaum zu entdecken --- weil sie selbst alle rote Haut hatten! Rothäutige Ork... Ein Schauer überlief Sirala und sie zog den Säbler nach links, um dieses Gebiet grossräumig zu umgehen, was auch nicht so ganz klappte, wie sie es sich vorgestellt hatte. Doch irgendwie gelang es ihr, sich zwischen diesen seltsamen Orks hindurch zu schlängeln, ohne entdeckt zu werden. Dem Glücksbringer sei dank!

 

Sirala streifte die rechterhand auftauchenden Gebäude nur mit einem raschen Blick, mehr darauf bedacht, mögliche Gefahren darin rechtzeitig zu erkennen, dennoch glaubte sie zu erkennen, dass dies alles Teile einer seltsam verstreuten Festung zu sein schienen. Froh und gewillt, diese ihr unverständlichen Bauten rasch hinter sich lassen zu können, trieb sie danach ihren Säbler wieder an. Er schien über die Strasse zu fliegen, als ob er, wie sie, ständig mit dem sich schnell von hinten nähernden Sirren eines Pfeiles rechnete... Doch nichts geschah.

 


 

 

 

 

Langsam breitete sich Unwille in ihr aus. Sie hasste diese Gegend, aber genauso verabscheute sie ihre eigenen Reaktionen darauf. Immer am Rand der Panik, kaum denkfähig, fühlte sie sich ausgeliefert und hilflos. Ein Gefühl, das sie in ihrem bisherigen Leben noch nie so erlebt hatte - und das sie kaum ertragen konnte. Sie musste unbedingt etwas dagegen tun, so konnte es nicht weitergehen. Allmählich wurde ihr bewusst, dass es um sie herum ein wenig ruhiger geworden war, weshalb sie auch wieder etwas klarer denken konnte. Das Toben der Dämonen lag weit hinter ihr zurück, und auch die Orks schienen ihre Aufmerksamkeit mehr auf ihren Stützpunkt, als auf die weitere Umgebung zu richten. Sie liess den Säbler etwas ruhiger ausschreiten, sammelte sich und dachte nach.

 

Selbst wenn sie hier mit ihrem eigentlichen Voksfeind, der brennenden Legion, konfrontiert wurde, war das keine akzeptable Ausrede. Ihre Unbeherrschtheit war gefährlich, sie hatte sich auch auf den Säbler übertragen, und ...

 

Der Brief! Ihr Kopf drehte sich erschrocken zurück, während sie gleichzeitig den Säbler herum zog -- um ihn gleich darauf zum Stehen zu bringen. Einen Moment lang machte sie sich bewusst, was sie da gerade tat, ihren Blick zur entfernten Ehrenfeste und gleichzeitig in die jüngste Vergangenheit zurück gerichtet. Ihre Wangen verfärbten sich bis zu den Ohrenspitzen in ein tiefes, verlegenes Schwarz. Sie lockerte die Zügel, liess ihen Blick verlegen umher huschen, doch glücklicherweise war wirklich niemand in der Nähe, der auch nur am Rande Notiz von ihr nahm. Entschuldigend tätschelte sie den Hals des Säblers, kraulte ihn beruhigend zwischen den Ohren, während sie ihn wieder in die andere Richtung lenkte, und endlich verzogen sich ihre Lippen zu einem breiten Grinsen, das in ein befreiendes Lachen überging.

 

Der Brief war weg, samt seinen panischen Peinlichkeiten. Den konnte sie nicht mehr rückgängig machen. Sie konnte nur darauf hoffen, dass der Bote ihn irgendwo unbemerkt verlor, am Besten dort, wo gleich darauf eine Feuersäule aus dem Boden schiesst. Aber selbst wenn der Freund ihn in die Hände bekommen sollte... Sie stellte sich die Situation kurz vor, und musste ein weiteres Mal lachen, auch wenn sich ihre Haut dadurch nur noch mehr verdunkelte. Er würde sich wohl köstlich darüber amüsieren - und ihr möglicherweise sofort zeigen, dass sie sich um IHN keine Sorgen zu machen brauchte, da er alle Situationen deutlich besser im Griff hatte, als sie. Vielleicht würde er sie, postwendend an ihrer Seite auftauchend, mit einem schelmischen Lachen fragen, ob er sie eine Zeit lang beschützen solle, um ihr erneut zu demonstrieren, dass mit seinen magischen Fähigkeiten und Hilfsmitteln nichts unmöglich war. Mit einem leisen Lachen liess sie ihren Blick ein wenig schweifen. Möglicherweise sass er schon irgendwo unauffällig auf einem Felsbrocken und beobachtete sie belustigt, jederzeit bereit, ihr helfend zur Seite zu springen...

 

Der Gedanke hatte etwas Erheiterndes und zugleich Tröstendes, und Sirala beschloss, ihn zu bewahren. 'Bleib du nur versteckt, wo du bist, ich werde dir zeigen, dass ich hier gut alleine klar komme und du dich wieder getrost deinen Studien widmen kannst', dachte sie schmunzelnd und lenkte ihren Säbler weiter, nun hoch aufgerichtet und locker, aufmerksam die Gegend erkundend. Wieder ganz die Jägerin, die sie war. Wenn sie sich den Freund auch nur in ihren Tagträumen an ihre Seite dachte, sie fühlte sich gleich nicht mehr so alleine und das hob ihre Stimmung sehr, wie das zufriedene, ja glückliche Lächeln ihrer Lippen nun jedem gezeigt hätte, der sie hätte sehen können.

 


 

 

Ein kunstvoll verschnörkelter Turm tauchte in der Ferne an ihrer linken Seite auf. Sirala erkannte die typische Bauart der Sin'dorei sofort, und wie immer, wenn sie mit ihren eben möglicherweise doch entfernten "Verwandten" konfrontiert wurde, machte sich sowohl Bewunderung, als auch Abscheu in ihr breit. Sie ignorierte beides, den Stützpunkt der Blutelfen genauso, wie ihre Gefühle diesbezüglich.

 

Kurz darauf entdeckte sie endlich das kleine Lager der Expedition des Cenarius. Froh, endlich einigermassen unter "ihren" Leuten zu sein, akzeptierte sie sogar den Auftrag einer Tauren-Druidin, die sie um eine Aufgabe bat, die einer Jägerin entsprach.

 

Die Zangarmarschen kündigten sich mit ihrem feuchtwarmem, würzigem Pilzgeruch an, der über die Dornennebelhügel aufstieg und eine wahre Wohltat nach der trockenen, staubigen Luft der roten Steinwüste war. Sirala besuchte kurz die Zuflucht des Cenarius, und für einen Moment war sie geneigt, auch hier allen hilfreich zur Hand zu gehen. Dann aber beschloss sie, an ihrem Plan festzuhalten und später hierher zurück zu kehren.

 

Sie erreichte Shattrath, wo jede Wegbeschreibung mit den Worten "Ah, da fliegt ihr..." zu beginnen schien. Nach dem dritten Versuch, den Weg nach Nagrand zu erfahren, erklärte sie schliesslich zähneknirrschend, dass ihrem Säbler noch keine Flügel gewachsen seien und sie dennoch gerne auf seinem Rücken dort hin gelänge, woraufhin sie endlich auf den Übergang über die Aldorhöhe hingewiesen wurde.

 

Die Stadt war seltsam, faszinierend in ihrer Vielfältigkeit, und Sirala blickte sich neugierig um. Dennoch lenkte sie ihren Säbler an allen Versuchungen vorbei, benützte das seltsame Konstruckt, dass "Lift" genannt wurde, um ohne Flugtier auf die Aldorhöhe zu gelangen, und liess den Säbler dann mit grossen, raumgreifenden Sprüngen zum Stadtrand eilen...

 


 

 

 

Sirala erinnerte sich sofort an das überwältigende Gefühl, als sie damals, mit dem Freund an ihrer Seite, das karge Desolace durchquert und das üppige Feralas erreicht hatten. Hier, wie dort, zügelte sie unwillkürlich ihren Säbler und führte ihn Schritt für Schritt auf einen Vorsprung, von dem aus sie nach Nagrand hinunterblicken konnte. Staunend glitt sie von seinem Rücken und liess sich an seiner Seite in das saftige, grüne Gras sinken. In Gedanken tastete sie nach der Hand des Freundes, um sie zu drücken und ihre Gefühle teilen zu können. "Leyn hat nicht übertrieben, mit keiner einzigen Silbe...", flüsterte sie tonlos, legte ihren Arm um den Säbler und lehnte sich an ihn, wie wenn es eben dieser Freund wäre. Sie genoss diesen Augenblick der unwirklichen und dennoch innigen Nähe, dehnte ihn endlos und begann, mit offenen Augen staunend zu träumen...

Ich erhoffe nichts. Ich fürchte nichts. Ich bin frei. (Nikos Kazantzakis)
Beitrag #247 erstellt am: / Zuletzt geändert am:

[Game Master]
PM senden

Mondbeerenwein…! Sie hatte sich doch vorgenommen, zukünftig nur noch MondbeerenSAFT zu trinken, ein Getränk, das auf Elfen ähnlich wirkte, wie Alkohol auf andere Rassen – nur mit dem Unterschied, dass sie weder die Kontrolle verlor, noch ihr Kopf am anderen Morgen brummte und pochte. Und dann hatte Tenrim diese uralte Flasche Mondbeerenwein geöffnet, um mit ihr auf die erfolgreiche Eröffnung seiner Taverne anzustossen….

Für einen Moment verwirrten sich ihre Gedanken zu einem Knäuel von Erfahrungen, Eindrücken, Gefühlen, Fragen, Erinnerungen – und fehlenden Erinnerungen…! Einmal mehr wünschte sie sich einen Freund an ihre Seite, um all dies mit ihm teilen und dadurch vielleicht verstehen zu können. Ihre Wege hatten sie wieder nach Sturmwind geführt, doch war sie nicht ihm, sondern Tenrim erneut begegnet.

Tenrim. Ein erfahrener Krieger, der im dritten Krieg gegen die Brennende Legion gekämpft hatte, am Ende, beim Berg Hyjal, Seite an Seite mit Menschen und Orcs...
Sie war zu dieser Zeit noch ein Kind gewesen, alleine, auf der Flucht vor allem, von dem sie sich bedroht fühlte. Unsichtbar war sie durch die Wälder des Eschentals gestreift und hatte sich von den Kämpfen zwischen den Schildwachen und den Orcs ferngehalten. Der Tod des Cenarius hatte eine Welle des Schmerzes durch die Wälder gesandt, die auch sie getroffen und für einige Zeit sehr verwirrt hatte, da die Tiere des Waldes davon nicht unberührt geblieben und ihre Begleiter in einen Schockzustand geraten waren. Ihre Welt hatte sich dadurch plötzlich verändert, Bekanntes war in Frage gestellt worden und der Verlust ihrer gewohnten Sicherheit hatte sie zutiefst aufgewühlt. Dass dies alles mit den Orcs zusammenhing, hatte sie zwar vermutet, doch erst bei ihren Unterweisungen in Teldrassil wurde dies bestätigt.

Als sie gehört hatte, dass ein Nachtelf eine Taverne in „ihren Wäldern“ im Eschental eröffnen wolle und dafür noch Hilfskräfte suche, war ihr Interesse geweckt worden. Als sie Tenrim dann aber begegnet war und er davon gesprochen hatte, die Taverne auch für Mitglieder der Horde, also auch für die Orcs des Splitterholzpostens und des Holzfällerlagers, offen zu halten, hatte sie doch erst einmal gezögert. Der Gedanke, diesen aufbrausenden, blutrünstigen Rohlingen alkoholische Getränke bringen zu müssen – und die Konsequenzen davon mit zu tragen, war ihr alles andere, als angenehm gewesen. Ihr war zwar eine grosse Neugierde eigen, doch einen sturzbetrunkenen Orc erleben zu müssen, gehörte nicht gerade zu den Dingen, die sie erfahren wollte. Und schon gar nicht als junge Nachtelfe, die in diesen Wäldern zu Hause war und daher diesen noch immer hier verweilenden Orcs ein Dorn im Auge. Tenrim mochten sie ja vielleicht als ehemaligen Kampfgefährten respektieren, so, wie er sie respektierte, selbst wenn nur im übertragenen Sinne und sie nicht persönlich Seite an Seite gekämpft hatten.

Als sie dem Krieger klar mitteilte, dass sie sich ihrer Haut wehren würde, wenn es nötig wäre, egal, ob es sich um einen seiner ehemaligen Kampfgefährten handle oder nicht, hatte dieser ihr versprochen, dass er IN der Taverne für Ruhe und Ordnung sorgen würde und sie sich keine Gedanken um ihre Sicherheit machen musste.

Dass ein Nachtelf überhaupt fähig war, soviel Toleranz aufzubringen, war sie nicht gewohnt. Wäre sie ihm in Teldrassil begegnet und hätte seinen Geschichten gelauscht, wäre sie vielleicht noch etwas länger dort verweilt. Wer es vermochte, Orcs zu respektieren, dem konnte der Gedanke, auch von Menschen und Zwergen lernen zu können, nicht ganz so fremd erscheinen, wie den meisten Lehrern ihrer nachtelfischen Gesellschaft. Diese Offenheit für das Fremde war eine faszinierende Seite dieses Kriegers, der ansonsten doch in einer ganz anderen Denkwelt lebte, als sie selbst. Etwas, durch das sie sich ihm unweigerlich verbunden fühlte und das sie weiter erforschen und erfahren wollte. Deshalb hatte sie zugesagt, den Ausschank und die Verteilung der Speisen und Getränke zu übernehmen.

Und doch war da noch etwas gewesen. Etwas Unergründliches. Während des ganzen Gespräches im Park von Sturmwind hatte sie sich seltsam unwohl gefühlt. So, als ob irgendwo, gerade ausserhalb ihres Sichtbereiches, ständig etwas lauern würde, unsichtbare Schatten, die nur darauf warteten, dass ihre Aufmerksamkeit nachliess, um sie zu überwältigen zu können... Eine unnatürliche Kälte hatte in der Luft gelegen, und ihre Sinne waren seltsam angespannt gewesen. Auch ihr Wolf hatte es gespürt, doch war seine gespannte Aufmerksamkeit ganz auf Tenrim gerichtet gewesen, und er schien bereit, ihn jeden Moment anzufallen. Das hatte sie zusätzlich irritiert, da der Krieger in keiner Weise eine sichtbare Bedrohung für sie darstellte…

Wie immer, wenn sie an seine Erklärung dachte, fühlte die Jägerin sich in einen seltsamen Zustand der Leere versetzt. Es war, wie wenn ihr Verstand die Sache nicht wahrhaben und ihre Gefühle sie nicht beurteilen wollten. Er hatte ihr erzählt, den Weg eines Sindwellers, eines Dämonenjägers, eingeschlagen zu haben. Die Macht eines Dämons in sich aufgenommen zu haben. Eines Dämons, den er beherrschte, der in ihm „lebte“, auf dessen Macht er im Kampf zurückgreifen konnte und durch dessen Einfluss er dämonische Aktivitäten in der Welt deutlicher wahrnehmen konnte, als alle anderen. Er hatte sich ganz und gar dem Kampf gegen die Brennende Legion verschrieben und aller Dämonen, die ihren Weg nach Azeroth fanden…

Sirala atmete tief durch. Sindweller. Die Gemeinschaft bei Teldrassil hatte nur hinter vorgehaltener Hand über diese „Abtrünnigen“ gesprochen. Nur schon die Erwähnung dieser „Abscheulichkeit“ war den meisten Nachtelfen zuwider, und die Lehrer, die die Schüler darüber unterrichten mussten, taten es nur stockend und der Widerwillen war ihnen ins Gesicht geschrieben.

Und sie war vor einem dieser Abtrünnigen gestanden, hatte mit ihm gesprochen, hatte sich ihm durch die Offenheit seiner Gedanken verbunden gefühlt, ihn als neuen Arbeitgeber akzeptiert – und nichts, einfach rein gar nichts Gefährliches, Dämonisches, Wahnsinniges war von diesem Krieger ausgegangen! Hatten all ihre Lehrer nur einen althergebrachten Glauben vertreten, ungeprüft und möglicherweise so falsch, wie die Lügen eines Dämons? Oder war sie den hinterhältigen, dämonischen Gaukeleien auf den Leim gegangen und hatte sich von ihm derart naiv täuschen lassen? Sie hatte ja nicht einmal den Instinkt ihres Wolfes gehabt, der die Quelle der möglichen Gefahr sehr klar erkannt hatte!

Ja, der Dämon in ihm war spürbar. Seine Kälte und Dunkelheit strahlte durch den Körper des Kriegers hindurch und vergiftete seine Aura. Doch er war nicht Tenrim.

Wenn Sirala den Krieger betrachtete, sah sie einen Bruder ihres Volkes, durch seine Entscheidung verachtet, von der Gemeinschaft der Nachtelfen ausgestossen, vereinsamt. Die Trauer, die in seinen Worten immer wieder spürbar war, hatte daher sicherlich viele Gründe. Doch für Sirala war genau dies eine Herausforderung. Sie hatte selbst nicht den einfachsten Weg gehabt, doch ihren Lebenswillen hatte sie nie verloren. Und den stellte sie Tenrim gegenüber, immer und immer wieder. Sie akzeptierte keine seiner negativ geprägten Aussagen, selbst wenn es die Ansichten des grossen Teils ihres Volkes den Dämonenjägern gegenüber war. Die meisten verurteilten und verabscheuten ihn – na und? Konnte irgend einer dieser Elfen mit Sicherheit behaupten, an seiner Stelle, mit seinen Erfahrungen, seinen Gedanken, seinen Gefühlen, seinem Leben, nicht auch denselben Schritt unternommen zu haben?

Wie immer, wenn sie diesen Gedanken nachhing, lehnte sich alles in ihr in einer gewaltigen Rebellion auf, und die junge Nachtelfe vermochte genau dadurch diesen Zustand des Erstarrens abzuschütteln. Sie brauchte mit ihrem Verstand die Sache nicht wahrzuhaben und ihre Gefühle mussten sie nicht beurteilen! Sie nahm Tenrim wahr und beurteilte ihn. Das genügte.

Und er hatte eine der letzten Flaschen Mondbeerenwein geöffnet, dessen Rezeptur vor unendlich langer Zeit untergegangen war, und hatte mit ihr auf den erfolgreichen Abend angestossen. Ihr Gespräch war wieder interessant und angenehm gewesen, wie jedes bisher. Zumindest so lange, wie sie daran teilgenommen hatte… ehe sie eingeschlafen, und am anderen Morgen alleine, unversehrt, mit leichtem Kopf und sehr zufrieden wieder aufgewacht war…

Gestern hatte sie erfahren, dass der Krieger sie behutsam dorthin getragen und zu Bett gebracht hatte… Sie war ihm völlig ausgeliefert gewesen und erinnerte sich an nichts, so stark hatte der Mondbeerenwein sie umnachtet. Ihre Erinnerungslücke hatte sie in Verlegenheit gebracht, was ihn wiederum amüsiert und zum Lachen gebracht hatte. Dies geschah selten genug, und war erst Recht ein Lichtblick, nach dem, was er ihr zuvor erzählt hatte…

Ein Druide hatte vor, eine Streitmacht aufzustellen, die Oger aus Düsterbruch zu vertreiben und ein eigenes Königreich in Feralas aufzubauen – und Tenrim wollte sich ihm entgegen stellen! Er wollte nicht zulassen, dass die Oger und ihre Familien, samt Kindern, gewaltsam abgeschlachtet und von einem Ort vertrieben wurden, den sie seit vielleicht drei Generationen ihre Heimat nannten. Sirala konnte den Gedanken nachvollziehen. Teldrassil nannten sie noch nicht einmal eine Generation lang ihre Heimat, auch wenn sie ihn selbst gepflanzt hatten, während die Oger bestehende Gebäude besetzt hielten. Was sie aber noch weniger nachvollziehen konnte, war der Gedanke, dass ein Nachtelf sich fern der Heimat ein eigenes Königreich aufbauen wollte. Feralas war ein wunderschöner Ort, auch sie streifte gerne durch die Wälder dort und fühlte sich darin „zu Hause“. Doch es war gerade diese unberührte Wildnis, die es ihr angetan hatte. Und die Vielfältigkeit des Lebens, die dort mit- und nebeneinander herrschte.

Eigentlich könnten ihr diese Dinge alle egal sein. Egal, wer in Feralas „herrschte“, sie würde nach wie vor unsichtbar, frei und unabhängig durch die Wälder streifen und ihre Wege gehen. Doch Tenrim hatte von einem neuen Krieg gesprochen, den er verhindern wollte. Und auch wenn er es nicht so direkt ausgesprochen hatte, in einem Punkt war sie absolut seiner Meinung: es gab einen Feind, der schlimmer war, als alle anderen, der bedrohlicher war und dessen Einfluss mehr bekämpft werden musste, als alles, wofür oder wogegen Sterbliche miteinander rangen: Dämonen und ihre Helfershelfer!

Er hatte ihr seine Gedanken anvertraut, hatte seinen Schmerz und seine unterdrückte Wut mit ihr geteilt und hatte ihr seine Entscheidung dargelegt. Sie verstand ihn, und doch hatte sie sein Unterfangen in Frage gestellt, wie immer. Für sie klang es so, als ob er seinen Tod vorausplanen würde. Doch er glaubte daran, dass das Söldnerheer sich nicht gegen ihn stellen würde, wenn es nichts zu holen gab. Sirala war bewusst geworden, dass dies nicht ihr Gebiet war. Sie konnte weder die einen, noch die anderen Gedanken nachvollziehen. Wie dachte ein zukünftiger Herrscher? Wie ein Söldner? Wie ein Krieger? Er zumindest war in seiner Überzeugung für sie fassbar. Er kämpfte für den Frieden in Azeroth. Gegen die brennende Legion und nicht für einen Territorial- oder Machtanspruch.

Und er hatte diesen Frieden auch in seiner Taverne erhalten können, trotz aufbrausenden Zwergen, stillen Gnomen, amüsanten Nachtelfen, unzufriedenen Tauren und sogar einer sehr direkten Blutelfe! Nein, Tenrim war kein Dämon und der Dämon war nicht Tenrim. Und trotzdem… In Zukunft nur noch MondbeerenSAFT!

Ich erhoffe nichts. Ich fürchte nichts. Ich bin frei. (Nikos Kazantzakis)
Beitrag #318 erstellt am: / Zuletzt geändert am: